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Masterarbeit/Kapitel/04_konzeption_methodisches_vorgehen.typ

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#import "@preview/cetz:0.4.2"
#let __is_thesis = context { query(<__thesis_document>).len() > 0 }
#if __is_thesis == false [
#set cite(style: "apa")
#hide(bibliography("../literatur.bib", style: "apa"))
]
#set terms(separator: [], hanging-indent: 0pt, tight: false)
#show terms.item: it => block(below: 0.8em, [
#strong(it.term) \
#it.description
])
#show terms: it => block(below: 1.6em, it)
#heading(level: 1)[Konzeption und methodisches Vorgehen (ca. 12 Seiten)]
Dieses Kapitel beschreibt die Methodik, mit der die in Kapitel 1 beschriebenen Ziele und Forschungsleitfragen beantwortet werden sollen. Ausgangspunkt ist das methodische Design. Aus diesem Design leiten sich alle weiteren methodischen Entscheidungen ab. Vorausgegangene Proof-of-Concept-Läufe haben einzelne Aspekte des Vorgehens informell erprobt und das hier dargestellte Vorgehen geprägt, sie sind aber nicht Gegenstand der Auswertung. Die eigentliche Untersuchung wird in den folgenden Abschnitten geplant und in den folgenden Kapiteln durchgeführt und bewertet.
#heading(level: 2)[Werkzeug-Grundlagen: Agentische CLIs, Agenten, MCP und lokale Inferenz]
Bevor das eigentliche Untersuchungsdesign beschrieben wird, werden die zentralen Werkzeug-Begriffe geklärt, an denen die spätere Versuchsreihe variiert. Sie sind nicht nur Hilfsmittel der Durchführung, sondern definieren genau die Stellschrauben, die in den Versuchen V1 bis V3 systematisch hinzugenommen werden. Die folgende Darstellung beschränkt sich auf das für diese Arbeit relevante Maß und ersetzt keine vollständige Werkzeugdokumentation. Das Zusammenspiel der vier Bausteine ist in @abb_werkzeug_grundlagen skizziert.
*Agentische CLIs.* Eine agentische CLI ist ein Kommandozeilen-Werkzeug, in dem ein LLM nicht nur Text generiert, sondern selbständig Dateien liest, Befehle ausführt und Tools aufruft. Im Gegensatz zum klassischen Chat-Prompting bleibt der Anwender nicht der einzige Akteur; die CLI orchestriert mehrere Modellaufrufe und Werkzeuginteraktionen in einer Schleife, bis ein vorgegebenes Ziel erreicht ist. Etablierte Vertreter sind Claude Code von Anthropic @claudecode_quickstart_2026, die Codex-CLI von OpenAI sowie die Qwen Code CLI von Alibaba. Für diese Arbeit ist die agentische CLI die operative Basis. Sie macht LLM-Läufe scriptbar, reproduzierbar und unabhängig von einer interaktiven Chat-Oberfläche.
*Agenten und Agentendateien.* Agenten im hier verwendeten Sinne sind rollenspezialisierte Konfigurationen, die innerhalb einer agentischen CLI als Sub-Prozesse aufgerufen werden. Sie werden typischerweise als Markdown-Dateien mit YAML-Frontmatter abgelegt und enthalten drei Bestandteile: einen Auftrag (was tut der Agent), eine eigene Systemanweisung (wie tut er es) und ein begrenztes Toolset (womit darf er es tun). Die aufrufende CLI startet einen solchen Agenten mit eigenem Kontextfenster, sodass dessen Zwischenergebnisse den Hauptkontext nicht überfluten. In dieser Arbeit tragen Agenten Versuch V2, indem sie die Extraktion auf vier Rollen aufteilen: Stakeholder-Analyse, System-Requirements, Software-Requirements und einen ISO-29148-Orchestrator.
*Model Context Protocol (MCP).* Das Model Context Protocol ist ein 2024 von Anthropic veröffentlichter offener Standard zur Anbindung externer Werkzeuge und Datenquellen an LLM-Clients @mcp_intro_2026 @claudecode_mcp_2026. Ein MCP-Server kapselt eine konkrete Fähigkeit, etwa Symbol-Navigation im Quellcode, lesenden Datenbankzugriff oder GUI-Beobachtung, hinter einer einheitlichen JSON-RPC-Schnittstelle. Ein MCP-Client wie Claude Code entdeckt die angebotenen Werkzeuge zur Laufzeit und ruft sie kontrolliert auf, anstatt dass das LLM Inhalte aus Code oder Datenbank frei rekonstruiert. Für diese Arbeit trägt MCP Versuch V3 und ist gleichzeitig die technische Grundlage der Belegpflicht: Eine extrahierte Anforderung lässt sich nur dann nachvollziehbar auf einen Codebeleg oder einen Datenbankbefund zurückführen, wenn der Zugriff darauf reproduzierbar erfolgt @mcp_servers_repo_2026.
*Lokale Inferenz-Runtimes.* Eine lokale Inferenz-Runtime ist eine Software, die LLMs auf eigener Hardware ausführt und ihre Funktion über einen OpenAI-kompatiblen HTTP-Endpunkt bereitstellt. Stellvertretend wird in dieser Arbeit LM Studio eingesetzt, das Modelle wie Qwen 3.5 Coder in verschiedenen Quantisierungsstufen ausführen kann. Für den hier untersuchten Kontext sind zwei Eigenschaften entscheidend. Erstens entfällt der Cloud-Versand, was bei der kundenbezogenen c-entron-Codebasis aus Datenschutzgründen relevant ist. Zweitens werden Quantisierungsstufe und Sampling-Parameter wie Temperatur, top\_p oder repeat penalty zu reproduzierbarkeitsrelevanten Stellgrößen, die in Versuch V4 zusätzlich zur Modellwahl dokumentiert werden.
#figure(
cetz.canvas({
import cetz.draw: *
let draw-box(x, y, w, h, label) = {
rect(
(x - w/2, y - h/2),
(x + w/2, y + h/2),
stroke: black + 0.6pt, fill: luma(240),
)
content((x, y), text(size: 9pt, weight: "bold")[#label])
}
let draw-arrow(from, to) = {
line(from, to, mark: (end: ">"), stroke: black + 0.6pt)
}
let h-half = 0.4
let gap = 0.15
draw-box(0, 5, 2.6, 0.8, "Benutzer")
draw-box(0, 3, 7.4, 0.8, "Agentische CLI (Claude Code / Codex / Qwen)")
draw-box(-4.6, 1, 3.6, 0.8, "LLM (Cloud / LM Studio)")
draw-box(0, 1, 2.8, 0.8, "Agentendateien")
draw-box(4.6, 1, 3.6, 0.8, "MCP-Server")
draw-box(4.6, -1, 3.6, 0.8, "Codebasis / Datenbank")
draw-arrow((0, 5 - h-half - gap), (0, 3 + h-half + gap))
draw-arrow((0, 3 - h-half - gap), (-4.6, 1 + h-half + gap))
draw-arrow((0, 3 - h-half - gap), (0, 1 + h-half + gap))
draw-arrow((0, 3 - h-half - gap), (4.6, 1 + h-half + gap))
draw-arrow((4.6, 1 - h-half - gap), (4.6, -1 + h-half + gap))
}),
caption: [Zusammenspiel der vier Werkzeug-Bausteine. Die agentische CLI orchestriert das LLM, ruft rollenspezialisierte Agentendateien als Sub-Prozesse auf und steuert MCP-Server, die kontrolliert auf Codebasis und Datenbank zugreifen.],
) <abb_werkzeug_grundlagen>
Damit sind die Bausteine benannt, an denen die spätere Versuchsreihe variiert. Versuch V1 nutzt ausschließlich die agentische CLI ohne weitere Bausteine, V2 ergänzt Agentendateien, V3 ergänzt MCP-Server, und V4 prüft die Übertragbarkeit auf alternative Modelle einschließlich lokaler Inferenz. Die Begriffe werden in den folgenden Abschnitten nicht erneut definiert.
#heading(level: 2)[Methodisches Design im Überblick]
Das Vorgehen ist entlang der vier Forschungsleitfragen aus Kapitel 1 strukturiert. Diese werden im Folgenden mit Frage 1 (Steuerung und Reproduzierbarkeit), Frage 2 (KI-Extraktion und Stakeholder-Input), Frage 3 (Qualitätsbewertung) und Frage 4 (Chancen, Grenzen und Risiken) bezeichnet. Aus jeder Leitfrage folgt unmittelbar eine Datenquelle und ein Auswertungsweg. Damit ist sichergestellt, dass die methodischen Bausteine nicht nachträglich auf die Fragen abgebildet werden, sondern aus ihnen hervorgehen.
#figure(
cetz.canvas({
import cetz.draw: *
let stages = (
(y: 4.0, label: "Codebasis", q: none),
(y: 2.0, label: "KI-Extraktion", q: (num: "Frage 1", text: "Welche Steuerungsmechanismen und Kontrollpunkte sind notwendig, um LLMs reproduzierbar einzusetzen?")),
(y: 0.0, label: "Strukturierung", q: (num: "Frage 2", text: "Welche Anforderungen lassen sich aus Code extrahieren, welche müssen über Interviews ergänzt werden?")),
(y: -2.0, label: "Validierung", q: (num: "Frage 3", text: "Wie beurteilen Fachexperten Vollständigkeit, Verständlichkeit und Nützlichkeit der KI-Ergebnisse?")),
(y: -4.0, label: "Bewertung", q: (num: "Frage 4", text: "Welche Effizienzgewinne, Limitierungen und Risiken sind realistisch und müssen adressiert werden?")),
)
let box-half-w = 1.5
let box-half-h = 0.4
let stage-x = -5.0
let arrow-gap = 0.1
for s in stages {
rect(
(stage-x - box-half-w, s.y - box-half-h),
(stage-x + box-half-w, s.y + box-half-h),
stroke: black + 0.6pt, fill: luma(240),
)
content((stage-x, s.y), text(size: 9pt, weight: "bold")[#s.label])
}
for i in range(stages.len() - 1) {
let s1 = stages.at(i)
let s2 = stages.at(i + 1)
line(
(stage-x, s1.y - box-half-h - arrow-gap),
(stage-x, s2.y + box-half-h + arrow-gap),
mark: (end: ">"),
stroke: black + 0.6pt,
)
}
let q-x = stage-x + box-half-w + 0.6
for s in stages {
if s.q != none {
content(
(q-x, s.y),
anchor: "west",
box(
width: 9cm,
text(size: 9pt)[*#s.q.num:* #s.q.text],
),
)
}
}
}),
caption: [Methodisches Design im Überblick. Die vertikale Sequenz zeigt den Ablauf von der Codebasis bis zur Bewertung. Pro Phase ist die zugeordnete Forschungsleitfrage angeben.],
) <abb_forschungsdesign>
Der untersuchte Prozess folgt einer durchgehenden Kette von der Codebasis bis zum Requirement. Auf der Codebasis setzt eine KI-gestützte Extraktion auf. Die Ergebnisse werden in eine konsistente Spezifikationsform überführt und durch Fachexperten validiert. Die abschließende Bewertung erfolgt mit Hilfe vordefinierter Qalitätskriterien.
Aus diesem Ablauf ergeben sich drei methodische Module, die in den folgenden Abschnitten ausgearbeitet werden. Erstens der *kontrollierte Tooling-Vergleich*. Es ist eine Versuchsreihe vorgesehen, die auf derselben Codebasis und mit demselben Grundprompt arbeitet und sich gezielt nur in einzelnen Werkzeugkomponenten unterscheidet. Die konkrete Anzahl und Zuschnitt der Versuche werden im Untersuchungsdesign festgelegt. Zweitens die *strukturierte Stakeholder-Validierung*. Jede extrahierte Anforderung soll durch Domänenexperten geprüft, anhand einer Likert-Skala bewertet und durch halbstrukturierte Interviews ergänzt werden. Drittens die *RE-Qualitätsbewertung*. Die Bewertungskriterien werden vor der Durchführung definiert, sodass eine nachträgliche Kriterienwahl ausgeschlossen ist. Die Bewertung schließt neben der klassischen RE-Qualität auch die Migrations- und Konsolidierungsperspektive ein, also die Frage, ob eine extrahierte Anforderung im Zielsystem in dieser Form erhalten bleiben oder mit anderen zusammengeführt werden sollte.
#heading(level: 2)[Bezugsrahmen: Der RRE-Prozess als Untersuchungsgegenstand]
Das in dieser Arbeit untersuchte Vorgehen folgt der in Kapitel 2 hergeleiteten siebenstufigen Methodenkette für Reverse Requirements Engineering. Die Schritte bauen aufeinander auf und decken den Weg von der ersten Abgrenzung des Untersuchungsgegenstands bis zur Validierung der gewonnenen Anforderungen ab.
1. *Scope und Domänenabgrenzung:* Auswahl relevanter Module, Datenobjekte und Prozesse.
2. *Artefakterhebung:* Quellcode, Konfiguration, UI-Texte, Datenbankschemata, Schnittstellenbeschreibungen und Change-Historie.
3. *Technische Analyse:* Struktur- und Abhängigkeitsanalyse sowie Identifikation von Kernkomponenten, Regeln und Integrationspunkten.
4. *Semantische Interpretation:* Ableitung fachlicher Aussagen aus technischen Implementierungen.
5. *Formalisierung:* Überführung in klare, testbare Anforderungen mit Kontext, Vorbedingung und Ergebnis.
6. *Traceability-Anreicherung:* Verknüpfung jedes Requirements mit Artefaktbelegen.
7. *Validierung:* Review durch Fachexperten und Abgleich mit Laufzeitverhalten oder Tickets.
In dieser Arbeit werden lediglich Schritt 1 und Schritt 7 manuell durchgeführt. Die dazwischenliegenden Schritte 2 bis 6 sollen KI-gestützt automatisiert werden. Der Untersuchungsschwerpunkt liegt damit nicht nur auf der Anforderungsbeschreibung, sondern vor allem auch auf der zuverlässigen Erzeugung dieser Beschreibung durch ein LLM.
Damit das Vorgehen belastbar bleibt, sind in jeder Iteration drei Eigenschaften sicherzustellen:
/ Belegpflicht: Jede extrahierte Anforderung muss auf ein konkretes Artefakt wie eine Datei, ein Modul, ein Datenobjekt oder einen UI-Text zurückführbar sein.
/ Explizite Hypothesenmarkierung: Aussagen, die nicht eindeutig aus Artefakten ableitbar sind, werden als Hypothesen markiert und gesondert validiert.
/ Human-in-the-loop: Die fachliche Validierung durch Domänenexperten ist nicht optional. Plausibel formulierte LLM-Ausgaben sind kein hinreichender Beweis für sachliche Korrektheit.
Mit der Festlegung der Schrittfolge, der Aufteilung zwischen Mensch und KI sowie den drei Pflicht-Eigenschaften ist der Bezugsrahmen geklärt, in dem die folgenden Abschnitte ihre Detailfragen verorten.
#heading(level: 2)[Werkzeugbasis: Auswahl des LLM]
Die Wahl des konkret eingesetzten LLM bestimmt maßgeblich, welche Steuerungsmechanismen praktisch umgesetzt werden können und wie reproduzierbar die Ergebnisse erzeugt werden. Aus diesem Grund wird die Werkzeugauswahl nicht implizit vorausgesetzt, sondern entlang der fünf Kriterien aus der Zielsetzung begründet. Diese Kriterien sind Kontextfenster, Codeverständnis, Steuerbarkeit, Kosten und Datenschutz.
Zur Auswahl stehen vier aktuell verfügbare Optionen. Anthropic Claude wird über die CLI-Variante Claude Code eingebunden, die agentisches Arbeiten und MCP-Integration nativ unterstützt. OpenAI bietet mit GPT-5 und der Codex-CLI eine vergleichbare agentische Schnittstelle. Als weitere Optionen kommen Qwen 3.5 Coder mit der Möglichkeit zur lokalen Ausführung ohne Cloud-Versand sowie DeepSeek R1 als cloudbasierte Alternative infrage.
#figure(
table(
columns: (1.4fr, 1fr, 1fr, 1fr, 1fr),
align: (left, left, left, left, left),
stroke: 0.4pt,
[*Kriterium*], [*Claude (Claude Code)*], [*GPT-5 (Codex)*], [*DeepSeek R1 (Cloud)*], [*Qwen 3.5 Coder (lokal)*],
[Kontextfenster], [bis 1 M Tokens], [bis 400 k Tokens], [bis 128 k Tokens], [bis 256 k Tokens],
[Codeverständnis], [hoch], [hoch], [hoch], [hoch],
[Steuerbarkeit (Agenten, MCP)], [nativ], [über Codex-CLI], [über API], [über Qwen Code CLI],
[Kosten], [API-Abrechnung], [API-Abrechnung], [API-Abrechnung], [Eigenbetrieb],
[Datenschutz], [Cloud-Versand], [Cloud-Versand], [Cloud-Versand], [On-Premise],
),
caption: [Vergleich der LLM-Optionen entlang der fünf Auswahlkriterien.],
) <tab_llm_vergleich>
Für diese Arbeit fällt die Entscheidung auf Claude Code als primäres Werkzeug. Ausschlaggebend sind das große Kontextfenster, die native Unterstützung von Agenten und MCP-Servern sowie eine offen dokumentierte CLI für reproduzierbare Aufrufe. Die kostenseitigen und datenschutzrechtlichen Nachteile gegenüber lokalen Modellen werden durch gezielte Konfigurationsmaßnahmen adressiert. Qwen 3.5 Coder und DeepSeek R1 werden für einen optionalen LLM-Querschnitt offengehalten, sind aber nicht das primäre Werkzeug. Qwen 3.5 Coder wird dabei lokal über LM Studio als Inferenz-Runtime betrieben. Die Anbindung erfolgt über den OpenAI-kompatiblen HTTP-Endpunkt von LM Studio, an den die Qwen Code CLI und gegebenenfalls MCP-Clients adressiert werden. Damit bleibt der Versuchsaufbau ohne Cloud-Versand und ohne Übertragung kundenbezogener Codeausschnitte an externe Anbieter.
#heading(level: 2)[Untersuchungsdesign: Kontrollierter Tooling-Vergleich]
Das Untersuchungsdesign folgt einer schrittweise aufbauenden Vergleichslogik. Versuch 1 bis 3 bilden den Kern der Reihe und werden ausschließlich auf Claude Code durchgeführt. Ausgehend von einer Baseline werden in jedem weiteren Versuch zusätzliche Werkzeugkomponenten hinzugefügt, sodass der Effekt jeder Komponente isoliert beobachtbar ist. Alle drei Versuche arbeiten auf derselben Codebasis und mit demselben Grundprompt. Variiert wird ausschließlich die Werkzeugkonfiguration. Der optionale Versuch 4 kehrt die Logik um: Die in Versuch 1 bis 3 wirksamste Konfiguration wird fixiert und auf den drei alternativen Modellen wiederholt, um modellabhängige von werkzeugabhängigen Effekten trennen zu können.
/ Versuch 1 (Baseline, Prompt-only): Reine Prompt-Steuerung ohne Agentendateien und ohne externe Tools. Die Hypothese lautet, dass eine formal strukturierte Anforderungsmenge bereits ohne Spezialisierung erreichbar ist, allerdings mit begrenzter Discovery-Breite und ohne dynamische Code- oder Datenbeobachtung.
/ Versuch 2 (Spezialisierung über Agenten): Wie Versuch 1, ergänzt um rollenspezialisierte Agentendateien für Stakeholder-Analyse, System-Requirements, Software-Requirements und einen ISO-29148-Orchestrator. Die Hypothese lautet, dass Spezialisierung die Strukturierungstiefe und die Normkonformität erhöht, ohne die Discovery-Breite signifikant zu verschlechtern.
/ Versuch 3 (Toolzugriff über MCP-Server): Wie Versuch 2, ergänzt um strukturierten Tool-Zugriff über MCP. Vorgesehen sind drei Server für Symbol-Navigation auf Code-Ebene, für Datenbank-Inspektion auf Schema- und Datensatzebene sowie optional für GUI-Beobachtung. Die Hypothese lautet, dass strukturierter Tool-Zugriff die Discovery-Breite vergrößert und zuvor undokumentierte Use Cases sichtbar macht, allerdings zu Lasten erhöhter Steuerungskomplexität.
/ Versuch 4 (optional, LLM-Querschnitt): Die in den ersten drei Versuchen wirksamste Konfiguration wird auf allen drei alternativen Modellen wiederholt: GPT-5 über die Codex-CLI, DeepSeek R1 über die Cloud-API sowie Qwen 3.5 Coder lokal über LM Studio. Wo einzelne Werkzeugkomponenten in der jeweiligen Umgebung nicht eins zu eins verfügbar sind, wird ein funktional äquivalenter Ersatz gewählt und dokumentiert. Ziel ist eine Einschätzung, in welchem Maße die in Versuch 1 bis 3 beobachteten Effekte modellabhängig oder werkzeugabhängig sind.
#figure(
table(
columns: (auto, 1fr, 1.4fr),
align: (left, left, left),
stroke: 0.4pt,
[*Versuch*], [*Werkzeugkonfiguration*], [*Hypothese*],
[V1 Baseline], [Prompt-only, ohne Agenten, ohne Tools], [Formal strukturierte Spezifikation erreichbar, Discovery-Breite begrenzt],
[V2 Agenten], [Wie V1, ergänzt um rollenspezialisierte Agentendateien], [Höhere Strukturierungstiefe und Normkonformität bei vergleichbarer Breite],
[V3 MCP-Tools], [Wie V2, ergänzt um MCP-Server für Code, Datenbank und optional GUI], [Größere Discovery-Breite, höhere Steuerungskomplexität],
[V4 (optional)], [Beste Konfiguration aus V1V3, wiederholt auf GPT-5 (Codex), DeepSeek R1 (Cloud) und Qwen 3.5 Coder (lokal, LM Studio)], [Trennung modell- gegenüber werkzeugabhängiger Effekte],
),
caption: [Übersicht der geplanten Versuche mit Werkzeugkonfiguration und Arbeitshypothese.],
) <tab_versuchsreihe>
Konstanten und Variablen sind in jedem Versuch klar dokumentiert. In Versuch 1 bis 3 umfassen die Konstanten Codebasis, Grundprompt, Modellfamilie, Validierungsstichprobe und Bewertungskriterien; variabel ist ausschließlich die Werkzeugkonfiguration. In Versuch 4 wird die Logik umgekehrt: Die Werkzeugkonfiguration ist die Konstante, das Modell die Variable. Damit lassen sich Unterschiede in Versuch 1 bis 3 ursächlich der Werkzeugvariation und in Versuch 4 ursächlich der Modellwahl zuordnen.
#heading(level: 2)[Stakeholder-Validierung als Verifikationsverfahren]
Die Stakeholder-Validierung ist das zentrale Verifikationsverfahren dieser Arbeit. Sie ist nicht als nachgelagerter Schritt gedacht, sondern bildet das Maß, an dem die KI-Ergebnisse gemessen werden. Plausibel formulierte LLM-Ausgaben sind nicht hinreichend. Eine Anforderung gilt erst dann als belastbar, wenn sie durch einen Domänenexperten geprüft und bestätigt wurde.
Vorgesehen sind bis zu drei Validatoren mit jeweils mehrjähriger Erfahrung in der c-entron-Codebasis und in den fachlich abgedeckten Geschäftsprozessen. Da im Unternehmen nicht mehr für jeden Fachbereich ein dedizierter Experte verfügbar ist, kann eine vollständige modulweise Abdeckung durch bereichsspezifische Validatoren nicht garantiert werden. Die Validatorengruppe deckt die Codebasis stattdessen in Summe ab. Die Teilnehmer sind bereits identifiziert; der Interview-Leitfaden ist im Anhang dokumentiert.
Für die Validierung wird pro Versuchslauf eine Zufallsstichprobe aus den extrahierten Anforderungen gezogen und auf die bis zu drei Teilnehmer verteilt. Die Stichprobengröße wird vor Versuchsbeginn festgelegt und im Versuchsprotokoll dokumentiert. Eine bereichs- oder risikoklassenspezifische Stratifizierung ist nicht vorgesehen, da die personelle Verfügbarkeit der Fachexperten eine flächendeckende Modulabdeckung nicht zulässt.
Jede Anforderung wird entlang von sechs Dimensionen bewertet:
/ Sachliche Korrektheit: Beschreibt die Anforderung das tatsächliche Systemverhalten?
/ Vollständigkeit: Sind Akteur, Vorbedingung und Ergebnis ausreichend spezifiziert?
/ Verständlichkeit: Lässt sich die Anforderung ohne Rückfrage interpretieren?
/ Redundanzfreiheit: Ist die Anforderung von anderen klar abgegrenzt?
/ Übernahmewürdigkeit: Soll die Anforderung im Zielsystem in ihrer Funktion erhalten bleiben, oder ist sie ein historisch gewachsener Workaround, ein Sonderfall oder eine veraltete Logik, die im Zuge der Neuimplementierung entfallen sollte?
/ Konsolidierungsbedarf: Bestehen andere Anforderungen, die dieselbe fachliche Funktion abbilden und im Zielsystem zu einer gemeinsamen Anforderung zusammengeführt werden sollten? Ein typisches Beispiel sind die in der bestehenden c-entron-Codebasis getrennt geführten Datensätze für Drucker („Stammblätter") und sonstige Hardware („Assets"), die im Zielsystem zu einem konsolidierten Asset-Konzept zusammengeführt werden sollen.
Die Bewertung erfolgt auf einer fünfstufigen Likert-Skala mit definierten Ankern an den Polen, wobei 1 für „trifft nicht zu" und 5 für „trifft voll zu" steht. Bei migrationskritischen Anforderungen ist eine doppelte Bewertung durch zwei Validatoren vorgesehen, um die Inter-Rater-Reliabilität abschätzen zu können.
Ergänzend zur itemweisen Bewertung werden mit den Validatoren halbstrukturierte Interviews geführt. Themenblöcke sind die Erkennung impliziter Regeln, fehlende Stakeholder-Sichten, migrationsspezifische Risiken, der Konsolidierungsbedarf gegenüber der Zielarchitektur einschließlich der Identifikation historisch gewachsener Workarounds und Doublettenstrukturen sowie die Nützlichkeit der KI-Ergebnisse im Vergleich zu einer hypothetischen manuellen Analyse. Die Auswertung erfolgt über thematische Codierung und wird mit den itemweisen Bewertungen trianguliert.
Eine Anforderung gilt im Sinne dieser Arbeit als belastbar, wenn drei Quellen sie stützen: ein konkreter Code-Beleg, eine KI-Ausgabe und eine Expertenbestätigung. Diese Triangulation reduziert das Risiko, dass eine plausibel formulierte aber inhaltlich falsche LLM-Ausgabe ungeprüft in die Spezifikation übernommen wird.
#heading(level: 2)[Evaluationsrahmen]
Der Evaluationsrahmen wird vor der Durchführung der Versuche definiert. Damit wird eine nachträgliche Anpassung der Kriterien an die Ergebnisse ausgeschlossen. Die Bewertung orientiert sich an den drei Qualitätsdimensionen, die in den theoretischen Grundlagen als Standard-Kriterien für Requirements-Sätze hergeleitet wurden.
*Statement-Qualität.* Pro einzelner Anforderung wird gemessen, ob sie eindeutig formuliert, vollständig im Satzbau, frei von unbelegten Annahmen und mit Akzeptanzkriterium oder Prüfidee versehen ist. Die Messung erfolgt über die zuvor beschriebene Likert-Skala.
*Set-Qualität.* Pro Spezifikations-Set, also Stakeholder-, System- und Software-Requirements, wird gemessen, ob die Menge konsistent, nicht redundant und ausreichend breit ist, ohne sich in Detailfällen zu verlieren. Dabei wird zwischen output-interner Redundanzfreiheit, also dem Fehlen von Doubletten in der vom LLM erzeugten Spezifikation, und migrationsbezogenem Konsolidierungsbedarf, also legacy-bedingt getrennt geführten Strukturen mit derselben fachlichen Funktion, unterschieden. Die Messung erfolgt qualitativ durch Expertenbewertung und ergänzend durch maschinelle Konsistenzprüfungen wie doppelte IDs oder fehlende Belege.
*Traceability-Qualität.* Pro Beleg-Verknüpfung wird gemessen, ob der Beleg reproduzierbar auffindbar ist, etwa über Dateipfad, Methode oder SQL-Query, und ob die Ableitung vom Beleg zur Anforderung nachvollziehbar bleibt.
Ergänzend zur Qualitätsbewertung wird eine Aufwands-Kennzahl in hybrider Form erhoben. Sie kombiniert quantitative Indikatoren mit einer groben Stundenschätzung als Plausibilitätsprüfung. Indikatoren sind unter anderem Tokenkosten, Bearbeitungsdauer pro Modul und Anzahl der Validierungs-Iterationen. Die Stundenschätzung erfolgt als grobe Vergleichsangabe gegen ein hypothetisches manuelles Vorgehen, in dem ein erfahrener Analyst die gleichen Module ohne KI-Unterstützung dokumentiert hätte. Sie liefert keinen exakten Effizienzfaktor, sondern eine Größenordnung.
#heading(level: 2)[Reproduzierbarkeit und Risikomanagement]
Reproduzierbarkeit und Risikomanagement sind als querschnittliche Aspekte angelegt. Sie betreffen alle Versuchsdurchläufe gleichermaßen und werden hier zusammengefasst.
Alle steuerungsrelevanten Artefakte werden versioniert vorgehalten. Hierzu zählen die verwendeten Prompts in ihrer Textfassung, die Agentendateien mit ihren Rollenbeschreibungen, die MCP-Server-Konfigurationen sowie die Angaben zu Modellversion, Temperatur und Kontextfenstergröße. Für lokal betriebene Modelle werden zusätzlich die Inferenz-Runtime mit Version (LM Studio), die Quantisierungsstufe des verwendeten Modell-Builds sowie weitere Sampling-Parameter wie top\_p und repeat penalty dokumentiert, da diese Stellgrößen die Reproduzierbarkeit der Ausgaben spürbar beeinflussen. Jeder Versuchsordner enthält die vollständige Konfiguration als Single Source. Wo möglich, werden deterministische Einstellungen gewählt.
Da die Codebasis kundenbezogene Strukturen enthält, werden datenschutzkritische Werkzeuge bewusst eingegrenzt. MCP-Server für Datenbank-Inspektion und Symbol-Navigation werden lokal betrieben. An externe LLM-Anbieter werden nur diejenigen Codeausschnitte gesendet, die für den jeweiligen Analyseschritt notwendig sind. Personenbezogene Daten oder vollständige Datenexporte sind ausgeschlossen.
Die folgenden vier Risikokategorien werden adressiert:
/ Halluzinationen: Begegnet durch Belegpflicht und Stakeholder-Validierung. Jede Anforderung ohne nachvollziehbaren Beleg wird als Hypothese markiert.
/ Reproduzierbarkeitsverlust: Begegnet durch versionierte Prompts und deterministische Einstellungen, soweit das Modell sie unterstützt.
/ Domänen- und Datenbias: Begegnet durch eine Stichprobenwahl, die alle relevanten Module abdeckt und nicht nur die in der KI-Ausgabe häufig auftauchenden.
/ Datenschutzverletzungen: Begegnet durch On-Premise-MCP, kontrollierten Versand und Logging der externen Aufrufe.
#heading(level: 2)[Konkrete Konfigurationen der geplanten Versuche]
Dieser Abschnitt konkretisiert die zuvor beschriebene Versuchsreihe auf Konfigurationsebene. Jeder Versuch ist durch seinen Prompt, seine Agentenliste und seine MCP-Server-Liste vollständig beschrieben. Modellversion, Kontextfenster und Temperatur werden im Versuchsordner protokolliert.
#figure(
table(
columns: (auto, 1fr, 1fr, 1fr),
align: (left, left, left, left),
stroke: 0.4pt,
[*Element*], [*V1 Baseline*], [*V2 Agenten*], [*V3 MCP-Tools*],
[Modell], [Claude (Claude Code)], [Claude (Claude Code)], [Claude (Claude Code)],
[Grundprompt], [Standard-Extraktionsprompt], [Standard-Extraktionsprompt], [Standard-Extraktionsprompt],
[Agentendateien], [keine], [Stakeholder, System, Software, ISO-29148-Orchestrator], [Wie V2, ergänzt um codebasis-spezifische Reviewer],
[MCP-Server], [keine], [keine], [Symbol-Navigation, Datenbank-Inspektion, optional GUI-Beobachtung],
[Validierungsstichprobe], [Stratifiziert], [Stratifiziert], [Stratifiziert],
),
caption: [Detail-Konfiguration der drei Kernversuche.],
) <tab_versuchskonfiguration>
Die Versuchsordner-Struktur folgt einer einheitlichen Konvention. Pro Versuch existiert ein Unterordner mit den Konfigurationsartefakten, ein Eingangsprotokoll mit Modell- und Werkzeugangaben, ein Ergebnis-Unterordner sowie eine Verlaufsdokumentation für die Validierungsschritte. Damit ist jeder Versuch eigenständig reproduzierbar.
#heading(level: 2)[Überleitung]
Mit der vorangegangenen Methodikbeschreibung ist das Untersuchungsdesign vollständig dokumentiert. Das folgende Kapitel beschreibt die Durchführung der geplanten Versuche und stellt die erzeugten Ergebnisartefakte vor. Daran schließt sich die Anwendung des hier definierten Evaluationsrahmens auf die Ergebnisse an. Den Abschluss bildet die Diskussion der gewonnenen Erkenntnisse im Hinblick auf die vier Forschungsleitfragen.