03_z71
This commit is contained in:
@@ -6,96 +6,85 @@
|
|||||||
|
|
||||||
#heading(level: 1)[Fallstudie c-entron GmbH (ca. 6 Seiten)]
|
#heading(level: 1)[Fallstudie c-entron GmbH (ca. 6 Seiten)]
|
||||||
|
|
||||||
Dieses Kapitel beschreibt den Anwendungskontext der Arbeit in Form einer Fallstudie. Im Mittelpunkt steht eine gewachsene, Windows-basierte ERP-Software der c-entron GmbH, die im Rahmen einer Modernisierung auf eine webbasierte Plattform überführt werden soll. Ziel des Kapitels ist es, die fachlichen und technischen Rahmenbedingungen so zu strukturieren, dass die Anforderungen an ein KI-gestütztes Reverse Requirements Engineering nachvollziehbar werden. Dazu werden zunächst Unternehmenskontext und Legacy-Software eingeordnet und anschließend die Migrationsstrategie sowie die spezifischen Herausforderungen zusammengefasst.
|
Dieses Kapitel beschreibt die Anwendung auf die sich diese Arbeit bezieht. Betrachtet wird die Windows-basierte ERP-Software der c-entron GmbH, die auf eine webbasierte Plattform überführt werden soll. Ziel ist es, die fachlichen und technischen Rahmenbedingungen so darzustellen, dass die Anforderungen an ein KI-gestütztes Reverse Requirements Engineering nachvollziehbar werden. Zunächst werden Unternehmenskontext und Legacy-Software eingeordnet, anschließend folgen Migrationsstrategie und spezifische Herausforderungen.
|
||||||
|
|
||||||
#heading(level: 2)[Unternehmenskontext und Legacy-Software]
|
#heading(level: 2)[Unternehmenskontext und Legacy-Software]
|
||||||
|
|
||||||
#heading(level: 3)[Unternehmens- und Domänenkontext]
|
#heading(level: 3)[Unternehmens- und Domänenkontext]
|
||||||
|
|
||||||
Die c-entron GmbH (Ulm) wird in dieser Arbeit als Fallunternehmen betrachtet. Das Unternehmen entwickelt und betreibt eine ERP-Suite, die sich an IT-Systemhäuser und deren typische Abläufe richtet. Im Vergleich zu neu entstehenden SaaS-Produkten ist die betrachtete Lösung über einen langen Zeitraum in einem stabilen Marktsegment gereift. Damit ist der Funktionsumfang breit, zugleich ist die Implementierung historisch gewachsen und enthält produktionsnahe Randfälle, Ausnahmen und kundenbezogene Varianten.
|
Die c-entron GmbH (Ulm) entwickelt und betreibt eine ERP-Suite für IT-Systemhäuser. Die Software ist über mehrere Jahrzehnte gewachsen, der Funktionsumfang entsprechend breit. Mit der historischen Tiefe gehen produktionsnahe Sonderfälle und kundenbezogene Varianten einher, die im Tagesgeschäft funktionieren, aber nur teilweise dokumentiert sind.
|
||||||
|
|
||||||
Für den Kontext dieser Arbeit sind drei Aspekte wesentlich:
|
Für diese Arbeit ist die Software relevant, weil sie Anforderungen in einer Form enthält, die für Reverse Requirements Engineering typisch schwierig ist. Geschäftskritische Prozesse wie Auftragsabwicklung, Lager und Fakturierung sind nicht nur in einzelnen Masken abgebildet, sondern in Validierungen, Statusübergängen und Datenmodellrestriktionen verteilt. Hinzu kommt die Kopplung an weitere Anwendungen über Import- und Exportschnittstellen. Aus diesen Artefakten müssen für die Modernisierung stabile Geschäftsregeln und Datenbeziehungen abgeleitet werden, die als Grundlage einer webbasierten Neuimplementierung dienen.
|
||||||
|
|
||||||
- **Geschäftskritische Domäne:** ERP-Systeme bilden Kernprozesse ab. Änderungen wirken direkt auf Abrechnung, Lieferfähigkeit und Projektsteuerung.
|
|
||||||
- **Hohe Integrationsdichte:** ERP-Funktionen sind typischerweise über Schnittstellen, Datenimporte/-exporte und angebundene Drittsysteme mit weiteren Anwendungen gekoppelt.
|
|
||||||
- **Regel- und Datenorientierung:** Ein großer Teil der Logik manifestiert sich in Validierungen, Statusübergängen, Berechtigungsprüfungen und Datenmodellrestriktionen.
|
|
||||||
|
|
||||||
Die Software deckt nach vorliegendem Projektkontext unter anderem Auftragsabwicklung, Lagerfunktionen, Fakturierung sowie Projektabrechnung ab. Für die Modernisierung ist daher nicht nur die Rekonstruktion einzelner Masken oder Funktionen relevant, sondern vor allem die Ableitung stabiler Geschäftsregeln und Datenbeziehungen, die als Basis für eine webbasierte Neuimplementierung dienen.
|
#heading(level: 3)[Technologischer Ist-Stand]
|
||||||
|
|
||||||
#heading(level: 3)[Technologischer Ist-Stand (Legacy-Charakteristik)]
|
Die ERP-Suite ist als Windows-Anwendung in klassischer Client/Server-Architektur über Jahrzehnte gewachsen. Für die Modernisierung sind nicht das Alter, sondern die Kopplung der Komponenten und die lückenhafte Dokumentation entscheidend. Folgende Merkmale sind für die Fallstudie besonders relevant:
|
||||||
|
|
||||||
Die betrachtete ERP-Suite ist als Windows-basierte Anwendung in einer klassischen Client/Server-Architektur gewachsen. Aus Sicht der Modernisierung ist weniger das „Alter“ entscheidend als die Kombination aus technischer Kopplung, historischer Evolution und begrenzter Dokumentation. Diese Merkmalskombination ist typisch für Legacy-Systeme @bisbal1999legacy.
|
- *Enge Kopplung zwischen UI, Fachlogik und Persistenz:* Geschäftsregeln sind nicht in einer Schicht isoliert, sondern verteilen sich über mehrere Komponenten. So liegen Validierungen im Frontend-Code, während weitere Regeln als Trigger in der MSSQL-Datenbank realisiert sind.
|
||||||
|
- *Implizite Regeln in Code und Daten:* Ein Teil der Anforderungen ist nicht explizit dokumentiert, sondern ergibt sich aus Validierungen, Standardwerten und Datenmodellannahmen.
|
||||||
|
- *Evolution über lange Zeiträume:* Funktionserweiterungen und Fehlerkorrekturen haben zu Sonderfällen und Workarounds geführt, die fachlich begründet, aber selten als Requirement festgehalten sind. Regeln zum gleichen Fachthema (z. B. Preisberechnung) werden auf unterschiedlichen Masken nicht einheitlich angewendet, was die genaue Definition der Regel erschwert.
|
||||||
|
- *Heterogene Artefakte:* Neben Quellcode existieren Konfigurationen, UI-Texte, Reportdefinitionen sowie Import- und Exportlogiken, die Anforderungen indirekt spiegeln.
|
||||||
|
|
||||||
Für die Fallstudie lassen sich die folgenden, für Requirements-Rückgewinnung relevanten Charakteristika bündeln:
|
Die Software ist damit ein geeigneter Gegenstand für Reverse Requirements Engineering. Die Anforderungen liegen nicht als gesammelte Dokumentation vor, sondern müssen erst rekonstruiert werden.
|
||||||
|
|
||||||
- **Enge Kopplung zwischen UI, Fachlogik und Persistenz:** Geschäftsregeln sind nicht konsistent in einer Schicht isoliert, sondern verteilen sich über unterschiedliche Komponenten.
|
|
||||||
- **Implizite Regeln in Code und Daten:** Ein Teil der Anforderungen ist nicht explizit dokumentiert, sondern ergibt sich aus Validierungen, Prüfpfaden, Standardwerten und Datenmodellannahmen.
|
|
||||||
- **Evolution über lange Zeiträume:** Funktionserweiterungen und Fehlerkorrekturen führen zu Sonderfällen und Workarounds, die fachlich begründet sein können, aber selten als Requirements festgehalten sind.
|
|
||||||
- **Heterogene Artefakte:** Neben Quellcode existieren Konfigurationen, UI-Texte, Reportdefinitionen, Skripte oder Import-/Exportlogiken, die Anforderungen indirekt spiegeln.
|
|
||||||
|
|
||||||
In der Summe ist der Ist-Zustand damit ein realitätsnaher Prüfstand für Reverse Requirements Engineering: Die Anforderungen liegen nicht als konsolidierte Spezifikation vor, sondern müssen aus einem Bündel technischer Artefakte rekonstruiert und anschließend fachlich validiert werden.
|
|
||||||
|
|
||||||
#heading(level: 3)[Dokumentations- und Wissenslage]
|
#heading(level: 3)[Dokumentations- und Wissenslage]
|
||||||
|
|
||||||
Für das betrachtete Modernisierungsvorhaben ist die Ausgangslage geprägt durch fehlende oder nur teilweise gepflegte Anforderungsdokumentation. In Standards des Requirements Engineering wird eine nachvollziehbare Spezifikation mit Qualitätskriterien wie Eindeutigkeit, Verifizierbarkeit und Traceability als Zielbild beschrieben @iso29148_2018 @ieee830_1998. Im Fallunternehmen sind solche Artefakte nicht in ausreichender Tiefe verfügbar, sodass wesentliche Informationen in folgenden Quellen gebunden sind:
|
Für das Modernisierungsvorhaben liegt keine schriftliche Anforderungsdokumentation vor. Vollständigkeit, Verifizierbarkeit und Traceability als zentrale Qualitätskriterien des Requirements Engineering müssen daher aus anderen Quellen hergestellt werden. Fachliche Regeln sind primär in der *Implementierung und im Laufzeitverhalten* gebunden. Änderungsanlässe, Bugfixes und Kundenanpassungen lassen sich ergänzend aus der *Change-Historie* in Issue-Tracker, Commits und Releases rekonstruieren. Ein wesentlicher Teil liegt zudem als *Erfahrungswissen einzelner Mitarbeiter* vor; dieses Domänenwissen ist personenbezogen und stellt ein Risiko bei Personalwechsel dar.
|
||||||
|
|
||||||
- **Implementierung und Laufzeitverhalten:** Fachliche Regeln werden praktisch durch Codepfade und Datenzustände realisiert.
|
_Für diese Arbeit folgt daraus, dass der Wert eines KI-gestützten Reverse Requirements Engineering nicht in der Generierung „gut klingender" Spezifikationstexte liegt, sondern in der systematischen Extraktion belegbarer Aussagen mit Referenz zu existierenden Artefakten, die als Requirement prüfbar sind und die spätere Migration absichern._
|
||||||
- **Change-Historie und Tickets:** Änderungsanlässe, Bugfixes und Kundenanpassungen sind häufig über Issue-Tracker, Commits oder Releases rekonstruierbar.
|
|
||||||
- **Erfahrungswissen einzelner Mitarbeiter:** Domänenwissen ist personenbezogen und damit ein Risiko bei Personalwechsel.
|
|
||||||
|
|
||||||
Für die vorliegende Arbeit folgt daraus, dass der Wert eines KI-gestützten Reverse Requirements Engineering nicht in der Generierung „gut klingender“ Spezifikationstexte liegt, sondern in der systematischen Extraktion belegbarer Aussagen, die als Requirements prüfbar sind und die spätere Migration absichern.
|
|
||||||
|
|
||||||
#heading(level: 3)[Relevante Artefakte der Fallstudie]
|
#heading(level: 3)[Relevante Artefakte der Fallstudie]
|
||||||
|
|
||||||
Für die Anforderungen an das Vorgehen in späteren Kapiteln ist es hilfreich, den Artefaktraum der Fallstudie zu strukturieren. Im Kontext der ERP-Modernisierung sind insbesondere folgende Artefaktklassen als Requirements-Träger relevant:
|
Für das Vorgehen in den folgenden Kapiteln ist es hilfreich, die vorhandenen Artefakte zu ordnen. In der ERP-Modernisierung sind insbesondere folgende Artefaktklassen Träger von Requirements:
|
||||||
|
|
||||||
1. **Quellcode:** Implementierte Regeln, Berechtigungen, Statuslogik, Datenzugriffe.
|
1. *Quellcode:* Implementierte Regeln, Berechtigungen, Statuslogik, Datenzugriffe.
|
||||||
2. **Konfiguration und Parameter:** Feature-Schalter, Mandantenparameter, systemweite Defaults.
|
2. *Konfiguration und Parameter:* Feature-Schalter, Mandantenparameter, systemweite Defaults.
|
||||||
3. **UI- und Reportartefakte:** Feldbezeichnungen, Validierungstexte, Druck-/Exportformate.
|
3. *UI- und Reportartefakte:* Feldbezeichnungen, Validierungstexte, Druck- und Exportformate.
|
||||||
4. **Datenstrukturbezogene Artefakte:** Datenmodelle, Constraints, Referenzen, historisierte Strukturen.
|
4. *Datenstrukturbezogene Artefakte:* Datenmodelle, Constraints, Referenzen, historisierte Strukturen.
|
||||||
5. **Projektartefakte:** Tickets, Release Notes, Testfälle, Migrationsnotizen.
|
5. *Projektartefakte:* Tickets, Release Notes, Testfälle, Migrationsnotizen.
|
||||||
|
|
||||||
Diese Artefakte sind nicht gleichwertig. Für Requirements-Rückgewinnung ist entscheidend, dass Belege in ihrer Aussagekraft bewertet und im Prozess sichtbar gemacht werden. Damit wird die fachliche Validierung gezielt auf risikoreiche oder unsichere Aussagen gelenkt.
|
Quellcode und Datenstrukturen liefern den belastbarsten Beleg für eine Regel, während Tickets und Release Notes vor allem den Anlass einer Änderung dokumentieren. Die fachliche Validierung wird gezielt auf risikoreiche oder unsichere Aussagen gelenkt.
|
||||||
|
|
||||||
#heading(level: 2)[Migrationsstrategie und spezifische Herausforderungen]
|
#heading(level: 2)[Migrationsstrategie und spezifische Herausforderungen]
|
||||||
|
|
||||||
#heading(level: 3)[Zielbild der Modernisierung]
|
#heading(level: 3)[Ziel der Modernisierung]
|
||||||
|
|
||||||
Das Modernisierungsziel ist eine webbasierte Plattform, die plattformunabhängige Nutzung und modernere Betriebsmodelle unterstützt. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt von einer rein funktionalen Betrachtung hin zu einem Zusammenspiel aus Funktionsäquivalenz und nicht-funktionalen Zielgrößen, insbesondere im Bereich Betrieb, Sicherheit und Änderbarkeit. Das Qualitätsmodell ISO/IEC 25010:2011 bietet hierfür eine etablierte Taxonomie, um solche Zielgrößen systematisch zu erfassen @iso25010_2011.
|
Ziel der Modernisierung ist eine webbasierte SaaS-Plattform, die sowohl Cloud- als auch On-Premise-Betrieb unterstützt. Neben der Funktionsäquivalenz zur bestehenden ERP-Suite stehen nicht-funktionale Anforderungen wie Skalierbarkeit, Mandantenfähigkeit und KI-Anbindung im Vordergrund. Konkret leiten sich für das Fallunternehmen die folgenden Anforderungen ab:
|
||||||
|
|
||||||
Aus Sicht des Fallunternehmens ist das Zielbild in drei Dimensionen zu konkretisieren:
|
- *Cloud- und On-Premise-Fähigkeit:* Die Anwendung wird containerisiert ausgeliefert und ist damit unabhängig von einem bestimmten Infrastrukturanbieter. Neben dem zentralen SaaS-Betrieb bleibt eine Einzelinstallation beim Kunden möglich.
|
||||||
|
- *Multi-Tenant-Fähigkeit:* Mehrere Mandanten teilen sich eine gemeinsame Datenbank, sodass auch kleinere Kunden ohne vollen Installationsaufwand bedient werden können. Für größere Kunden ist weiterhin eine Einzelinstallation vorgesehen.
|
||||||
|
- *Datenbanksystem-Unabhängigkeit:* Geschäftslogik und Abfragen werden möglichst vollständig im Code abgebildet und nicht im DBMS. Damit sinken Migrationsaufwände, und im Multi-Tenant-Betrieb lassen sich günstige oder kostenlose Datenbanksysteme einsetzen.
|
||||||
|
- *Skalierbarkeit:* Das Backend ist über Microservices und Load-Balancing horizontal skalierbar, um auch bei größeren Kunden performant zu bleiben.
|
||||||
|
- *KI-Fähigkeit:* Schnittstellen zu KI-Systemen (z. B. MCP-Server, RAG-Embeddings) sind von Beginn an in der Architektur vorgesehen.
|
||||||
|
- *Web-Frontend:* Eine responsive Web-Oberfläche ermöglicht die geräteübergreifende Nutzung.
|
||||||
|
- *Zentrale Stammdatenverwaltung:* Das Basissystem stellt eine eigenständige Oberfläche zur Benutzer- und Kundenverwaltung bereit und dient auch ohne ERP-Funktionalität als Anker für weitere Produkte der Firma.
|
||||||
|
|
||||||
- **Benutzeroberfläche und Interaktion:** Webbasierte Oberflächen, Rollen- und Rechtekonzepte, konsistente Navigation.
|
Als Performance-Ziel wird ein Sweetspot von 5 bis 100 gleichzeitigen Nutzern pro Mandant festgelegt (Priorität 1). Kleinere Installationen mit 1 bis 5 Nutzern (Priorität 2) sowie größere Installationen oberhalb von 100 Nutzern (Priorität 3) werden ebenfalls unterstützt.
|
||||||
- **Betriebsmodell und Deployment:** Automatisierte Bereitstellung, Skalierung, Updatefähigkeit und Wartbarkeit über Releases.
|
|
||||||
- **Integrationen und Daten:** Stabilisierung von Schnittstellen, Datenmigration und Sicherstellung konsistenter Geschäftsobjekte.
|
|
||||||
|
|
||||||
#heading(level: 3)[Strategische Optionen und Abgrenzung]
|
#heading(level: 3)[Strategische Optionen und Abgrenzung]
|
||||||
|
|
||||||
Die Literatur zur Legacy-Modernisierung betont, dass Migrationen unterschiedliche Strategien annehmen können und dass eine bewusste Planung notwendig ist, um Risiken zu steuern @sneed1995planning @bisbal1997overview. In der Praxis reichen Optionen von minimal-invasiven Ansätzen (z. B. Rehosting) bis zur schrittweisen Neuimplementierung zentraler Funktionen. Für diese Arbeit ist weniger die vollständige Migrationsplanung Gegenstand, sondern die Frage, wie eine belastbare Requirementsbasis für die Umsetzung erzeugt wird.
|
Migrationsstrategien für Legacy-Software reichen von leichtgewichtigen Ansätzen wie Rehosting bis zur schrittweisen Neuimplementierung zentraler Funktionen. Gegenstand dieser Arbeit ist nicht die vollständige Migrationsplanung, sondern die Frage, wie eine belastbare Requirementsbasis für die Umsetzung erzeugt wird.
|
||||||
|
|
||||||
Die Abgrenzung des Beitrags lautet daher:
|
Schwerpunkt ist die *Rückgewinnung und Strukturierung* von Requirements aus bestehenden Artefakten. Architektur- und Implementierungsentscheidungen der Zielplattform werden nur insoweit diskutiert, als sie Requirements beeinflussen, etwa bei Sicherheits- und Betriebsanforderungen. Die technische Migration selbst — Datenmigration, Refactoring im Detail oder Release-Planung — wird als Rahmenbedingung verstanden und in späteren Kapiteln methodisch adressiert.
|
||||||
|
|
||||||
- Schwerpunkt ist die **Rückgewinnung und Strukturierung** von Requirements aus bestehenden Artefakten.
|
|
||||||
- Architektur- und Implementationsentscheidungen der Zielplattform werden nur soweit diskutiert, wie sie Requirements beeinflussen (z. B. Sicherheits- und Betriebsanforderungen).
|
|
||||||
- Die eigentliche technische Migration (Datenmigration, Refactoring im Detail, Release-Planung) wird als Rahmenbedingung verstanden und in späteren Kapiteln methodisch adressiert.
|
|
||||||
|
|
||||||
#heading(level: 3)[Spezifische Herausforderungen im Fallunternehmen]
|
#heading(level: 3)[Spezifische Herausforderungen im Fallunternehmen]
|
||||||
|
|
||||||
Die Fallstudie weist mehrere Herausforderungen auf, die für die Methodik des Reverse Requirements Engineering unmittelbar relevant sind. Die folgenden Punkte bündeln die zentralen Problemfelder und leiten Anforderungen an das Vorgehen ab:
|
Aus dem Ist-Zustand ergeben sich mehrere Herausforderungen, die das Vorgehen des Reverse Requirements Engineering unmittelbar prägen:
|
||||||
|
|
||||||
- **Funktionsäquivalenz und Randfälle:** Ein großer Teil des Systemwertes liegt in korrekt implementierten Ausnahmen, Sonderfällen und Prozessvarianten. Diese sind im Code sichtbar, aber selten dokumentiert. Daraus folgt eine hohe Priorität für Traceability und Validierung.
|
- *Funktionsäquivalenz mit Randfällen:* Ein erheblicher Teil des Systemwertes steckt in implementierten Ausnahmen und Prozessvarianten. Diese sind im Code zwar nachvollziehbar, aber selten dokumentiert; Traceability und Validierung haben damit hohe Priorität.
|
||||||
- **Implizite Geschäftsregeln:** Geschäftslogik ist häufig als Prüf- und Statuslogik realisiert. Ohne strukturierte Extraktion besteht das Risiko, dass Regeln in der Neuimplementierung vereinfacht oder falsch interpretiert werden.
|
- *Implizite Geschäftsregeln:* Geschäftslogik ist häufig als Prüf- und Statuslogik realisiert. Ohne strukturierte Extraktion droht, dass Regeln in der Neuimplementierung vereinfacht oder falsch interpretiert werden.
|
||||||
- **Datenzentrierte Domäne:** ERP-Funktionalität ist eng mit Datenobjekten, Relationen und historisierten Zuständen gekoppelt. Anforderungen müssen daher nicht nur UI-nah formuliert werden, sondern auch als Daten- und Integritätsanforderungen.
|
- *Datenzentrierte Domäne:* ERP-Funktionalität ist eng mit Datenobjekten und historisierten Zuständen verbunden. Anforderungen müssen daher auch als Daten- und Integritätsanforderungen formuliert werden, nicht nur UI-nah.
|
||||||
- **Nicht-funktionale Anforderungen rücken in den Vordergrund:** Mit einer webbasierten Zielplattform steigen Anforderungen an Sicherheitsmechanismen, Verfügbarkeit, Rollout-Fähigkeit und Observability. Studien zu Security-Aspekten in Legacy-to-Cloud-Migrationen zeigen, dass Identitätsmanagement, Datenflusskontrolle und Compliance wiederkehrende Kernprobleme sind @security2014legacycloud.
|
- *Nicht-funktionale Anforderungen:* Mit der webbasierten Zielplattform steigen die Anforderungen an Sicherheit, Verfügbarkeit und Observability. Insbesondere Identitätsmanagement und Datenflusskontrolle sind in Legacy-to-Cloud-Migrationen wiederkehrende Problemfelder.
|
||||||
- **Organisatorische Randbedingungen:** Ressourcen für manuelle Analyse sind begrenzt und hängen von erfahrenen Mitarbeitern ab. Daraus folgt die Notwendigkeit, Analysearbeit skalierbar zu machen und Ergebnisse reproduzierbar zu erzeugen.
|
- *Organisatorische Randbedingungen:* Ressourcen für manuelle Analyse sind begrenzt und an erfahrene Mitarbeiter gebunden. Die Analysearbeit muss skalierbar und ihre Ergebnisse müssen reproduzierbar sein.
|
||||||
|
|
||||||
#heading(level: 3)[Konsequenzen für das Vorgehen in dieser Arbeit]
|
#heading(level: 3)[Konsequenzen für das Vorgehen in dieser Arbeit]
|
||||||
|
|
||||||
Aus den genannten Herausforderungen ergeben sich konkrete Anforderungen an das in Kapitel 4 entwickelte Vorgehen:
|
Aus den Herausforderungen ergeben sich konkrete Anforderungen an das in Kapitel 4 entwickelte Vorgehen:
|
||||||
|
|
||||||
1. **Belegpflicht und Nachvollziehbarkeit:** Jede extrahierte Anforderung muss auf Artefakte zurückgeführt werden können (Datei, Modul, Datenobjekt, UI-Text).
|
1. *Belegpflicht und Nachvollziehbarkeit:* Jede extrahierte Anforderung muss auf Artefakte zurückgeführt werden können (Datei, Modul, Datenobjekt, UI-Text).
|
||||||
2. **Explizite Unsicherheitskennzeichnung:** Aussagen, die nicht eindeutig aus Artefakten ableitbar sind, müssen als Hypothesen markiert und priorisiert validiert werden.
|
2. *Explizite Unsicherheitskennzeichnung:* Aussagen, die nicht eindeutig aus Artefakten ableitbar sind, werden als Hypothesen markiert und priorisiert validiert.
|
||||||
3. **Segmentierung und Kontextsteuerung:** Da Artefakte verteilt sind, ist eine systematische Auswahl relevanter Kontexte notwendig, um Überinterpretation zu reduzieren.
|
3. *Segmentierung und Kontextsteuerung:* Da Artefakte verteilt sind, ist eine systematische Auswahl relevanter Kontexte notwendig, um Überinterpretation zu reduzieren.
|
||||||
4. **Human-in-the-loop:** Fachliche Validierung ist zwingend, da „plausible“ Textausgaben kein hinreichender Beweis für fachliche Korrektheit sind.
|
4. *Human-in-the-loop:* Fachliche Validierung ist zwingend, da „plausible" Textausgaben kein hinreichender Beweis für fachliche Korrektheit sind.
|
||||||
|
|
||||||
Damit schafft dieses Kapitel die Grundlage für die folgenden Abschnitte: Kapitel 4 beschreibt das methodische Vorgehen und die Claude-Code-basierte Durchfuehrung, Kapitel 5 dokumentiert die Ergebnisse der Versuche, und Kapitel 6 evaluiert die Eignung im Fallkontext der c-entron GmbH.
|
Im nächsten Kapitel werden das methodische Vorgehen und die Claude-Code-basierte Durchführung beschrieben. Kapitel 5 dokumentiert die Ergebnisse der Versuche, Kapitel 6 evaluiert die Eignung im Fallkontext der c-entron GmbH.
|
||||||
|
|||||||
Reference in New Issue
Block a user